Autor: Fanny Pohontsch

Über den Mut, Chancen zu ergreifen und The Big Bang Theory

09. März 2017

Im Interview mit der Institutsleitung

Seit 13 Jahren leitet Prof. Alexander Michaelis das IKTS, eins der größten Fraunhofer-Institute. Beim Kaminabend* gingen die Junioren des Marketing-Club Dresden e.V. auf Tuchfühlung mit dem 53-jährigen Physiker und seiner Karriere.

 

JuMPs: Professor Michaelis, vielen Dank, dass Sie unserer Einladung gefolgt sind. Wie sieht Ihr typischer Arbeitsalltag aus?

Prof. Michaelis: Ich bin 2004 ans Institut gekommen. Von damals 100 Mitarbeitern sind wir auf 650 gewachsen und mittlerweile das größte Keramikforschungsinstitut in Europa. Den typischen Alltag gibt es für mich – zum Glück – tatsächlich nicht. Ich bin Wissenschafts-Manager mit internen und externen Anspruchsgruppen aus dem Institut, dem akademischen Bereich und der Industrie. Natürlich gehe ich morgens im Büro auch meine Mails durch. Aber welche Themen hochkommen oder wo ich als nächstes dringend hin muss, das ist Tag für Tag spontan. Das ist für mich das Spannende. Trouble-Shooting ist das eine, aber gerade Fraunhofer ist auch Chancen-Management. Ich muss kurzfristig reagieren und mich regelmäßig auf Neues flexibel einlassen.

 

JuMPs: Sie haben im Lauf Ihrer Karriere viele verschiedene Bereiche und Funktionen kennengelernt. Sie haben die akademische Laufbahn erlebt, Sie waren in der Industrie tätig. Jetzt leiten Sie ein Forschungsinstitut und lehren parallel an der Uni. Gibt es einen Bereich, in dem Sie sich am wohlsten gefühlt haben, in dem Sie am besten sind?

Prof. Michaelis: Ich hab mich nie gescheut, die Position oder gar die komplette Disziplin zu wechseln. Ich habe als Hardcore-Physiker angefangen. Plasmaphysik. So richtig Theorie. Habe mich dann mit physikalischer Chemie beschäftigt, ein völlig anderes Fachgebiet. Als Postdoc, bei SIEMENS und Bayer war ich jeweils in ganz anderen Bereichen und im Ausland tätig. Aus meiner Erfahrung kann ich dem Nachwuchs empfehlen, sich nicht gleich am Anfang festzufahren, offen zu bleiben und keine Scheu zu haben. Mein Opa hat mir immer gesagt: »Was andere können, kannst du auch. Und wenn man will, dann schafft man alles.«

Prof. Dr. Alexander Michaelis, Institutsleiter des Fraunhofer IKTS.
Prof. Dr. Alexander Michaelis, Institutsleiter des Fraunhofer IKTS.

»Wir sind alle nur Menschen und alles, was ein Mensch schaffen kann, das schaffen Sie auch. Sie schaffen auch einen Marathon. Vielleicht nicht in zwei Stunden, aber in dreieinhalb. Und so ist es im Job auch. Nur Mut.«

Prof. Michaelis: Ich habe durch die vielen Wechsel neben einem breiten fachlichen Know-how eine gewisse Selbstsicherheit erlangen können, da ich mich in den verschiedensten Einheiten, in denen ich mich bewegte, erfolgreich bewiesen habe. Das macht das Leben spannend und viel interessanter. Ich komme aus Dormagen im Rheinland, Vorort der Bayer-Werke. In meiner Familie haben dort natürlich auch einige mit 16 als Facharbeiter angefangen und schätzen die beständige Sicherheit. Heutzutage ist man jedoch auch oftmals gezwungen, flexibel zu sein und Risiken einzugehen. Ich habe mich in all meinen Stationen wohlgefühlt, auch jetzt bei Fraunhofer. Hier war es für mich anfangs eher ein psychologisches Problem. Ich war gerade 40, als ich zum IKTS kam und ich wusste, wenn du den Job annimmst, dann machst du den womöglich die nächsten 27 Jahre. Das war eine schwierige Vorstellung. Jetzt ist die Hälfte rum und ich bin gesettled. Habe kein Bedürfnis mehr zu wechseln. Ich schätze den Gestaltungsspielraum und kann mir nichts Besseres vorstellen.

 

JuMPs: Ausgehend von Ihrer Breite an Erfahrungen: Wie beeinflussen diese Ihr Personalrecruiting? Welche Rolle spielen Soft Skills?

Prof. Michaelis: Soft Skills sind alles. Fachkompetenz setze ich voraus. Diese schau ich mir auf dem Papier an. Wichtig ist, wie verhalten und verkaufen Sie sich. Das beginnt schon bei der Begrüßung. Augenkontakt, Handdruck, wie begegnet der Bewerber mir. Dann unterhält man sich und wenn man den Eindruck hat, mit der Person kannst du zusammenarbeiten, sie ist freundlich und professionell, dann ist das viel, viel wert. Die soziale Passung ist ebenso wichtig wie das Inhaltliche. Allerdings schau ich auch, ob sich der Bewerber Gedanken gemacht hat und Fraunhofer kennt. Weiß er, was auf ihn zukommt? Ist er eher ein Max-Planck-Mann, der die Tiefen der Wissenschaft aufklären will, oder hat er das Modell Fraunhofer inne und weiß, jede Abteilung ist im Vertriebssinn ein Profit Center?

 

JuMPs: Was sollte man beachten, wenn man mit so vielen unterschiedlichen Menschen, Sprachen und Kulturen zusammenarbeitet?

Prof. Michaelis: Auf Kölsch gesagt: »Jeder Jeck ist anders«. Man muss Leute so akzeptieren, wie sie sind. Ganz wichtig als Chef ist es, deren Stärken zu sehen. Ich versuche lieber den Job zu ändern, den die Person macht, als sie selbst. Mit Druck erreicht man wenig. Zeit geben, machen lassen, Vertrauen haben. Dann folgen gute Ergebnisse. Verschiedene Wege sind erfolgreich, die muss man zulassen können. Bei Fraunhofer ist insbesondere der Wirtschaftsertrag eine wichtige Kennziffer, die es zu erreichen gilt. Auf welchem Weg dies umgesetzt wird, ist eine andere Frage.

 

JuMPs: Wenn man das Monetäre, wie den Wirtschaftsertrag, wegnimmt, wie definieren Sie Erfolg?

Prof. Michaelis: Wenn wir interessante Felder bearbeiten, die systemrelevant werden, wie die Batterien; die volkswirtschaftlich wichtig sind, wie nachhaltige Wasseraufbereitung oder Smart Agriculture; die eine gesellschaftlich positive Auswirkung haben, dann ist das Erfolg. Wenn Produkte entstehen, die so gut, so zuverlässig, so günstig sind, dass sie neue Standards setzen. Wir haben nicht das Bestreben Nobelpreise zu gewinnen, sondern Ingenieurprobleme zu lösen.

 

JuMPs: Sie sind ein begeisternder Redner sowohl vor Fach- als auch vor fachfremden Publikum. Haben Sie dafür Tipps?

Prof. Michaelis: Ich erkundige mich, vor wem ich spreche und versuche, mich darauf einzustellen. Was weiß das Publikum und was nicht. Dann überlege ich mir einen roten Faden, sodass ich eine sich aufeinander aufbauende Geschichte erzählen und die Zuhörer damit abholen kann.

 

JuMPs: Gibt oder gab es auch Dinge, die Sie blockieren oder Sie zu einer Stagnation gebracht haben?

Prof. Michaelis: Ich habe mir nie über meine Schwächen Gedanken gemacht. Dinge, die mir keine Freude bereiten oder wofür ich mich nicht begeistern kann, habe ich nie gemacht. Hier geht es wieder um den roten Faden: Ich überlege immer zuerst, wozu etwas führt. Ist das eine spannende Geschichte? Nur, wenn ich sehe, das macht Sinn, das lässt sich verkaufen, dabei kommt ein Produkt heraus, dann mach ich das. Ich wollte immer nur Physiker sein, mich mit den für mich spannenden Themen beschäftigen, gar nicht unbedingt Karriere machen oder viel Geld verdienen. Gehen Sie unverkrampft und mit Geduld Ihren Weg! Ergreifen Sie Chancen, wenn sie sich bieten und trauen Sie sich! Gerade, wenn man denkt, eine Schwäche zu haben, z. B. die Angst vor Publikum zu sprechen, dann sollte man sich genau dem stellen, indem man immer wieder präsentiert, wenn es die Situation zulässt. Handelt es sich allerdings um Schwächen, die beruflich nicht relevant sind, dann konzentrieren Sie sich auf Ihre Stärken!

 

JuMPs: Work-Life-Balance: Sie sind mit Ihrer schwangeren Frau und einem Kind im Rahmen Ihrer Promotion nach North Carolina gegangen und sind häufig umgezogen. Merken Sie aktuell den Trend nach weniger Arbeit und mehr Freizeit? Wie stehen Sie dazu im Vergleich zu der damaligen Situation mit Ihrer Familie?

Prof. Michaelis: Ich merke die Entwicklung zu mehr Work-Life-Balance. Einer der großen Vorteile meines Jobs ist es, dass ich mit vielen exzellenten jungen Leuten arbeite, in denen ich hohes Potenzial sehe. Wenn ich denen die Chance eines Forschungsaufenthalts im Ausland biete, dann wünsche ich mir zum Teil jedoch eine stärkere Bereitschaft, so eine Möglichkeit auch wahrzunehmen. Als mir mein Doktorvater damals sagte, »du gehst jetzt in die USA«, da musste ich erstmal schauen, wo North Carolina überhaupt liegt. Mit Kind und Kegel sind wir hingezogen, später auch häufig umgezogen. Für meine Töchter waren beispielsweise die Schulwechsel natürlich nicht immer einfach. Meine sehr zeitintensive Arbeit damals habe ich allerdings nie als Arbeit oder große Belastung empfunden. Damals war es teilweise ein höheres Arbeitspensum als jetzt. Heute ist es ein hohes nervliches Pensum.

 

JuMPs: Pflegen Sie ein besonderes Hobby zum beruflichen Ausgleich?

Prof. Michaelis: Ich habe ja vier Töchter, zwei Hündinnen, meine Frau − Familie ist wichtig. Wenn ich heimkomme, habe ich nicht mehr viel Zeit, über Arbeit nachzudenken. Es steht immer etwas an. Ich habe mehrere Gitarren und spiele regelmäßig, wenngleich man sagt, »die Fähigkeit ist antiproportional zur Anzahl der Gitarren«. Vor Kurzem habe ich meinen Jagdschein gemacht und genieße es, in den Wald zu gehen und dort absolute Ruhe zu haben. Auch mit Physik, speziell Quantenmechanik und der philosophischen Implikation beschäftige ich mich intensiv.

 

JuMPs: Gibt es am IKTS eine Entwicklung, die für Sie ganz besonders spannend ist − etwas, das Sie in Ihrer Laufbahn gern noch sehen möchten?

Prof. Michaelis: Ja, vieles! Zum Beispiel möchte ich gerne das Batteriefahrzeug mit unseren Batterien sehen. Und ich glaube an dezentrale Technologien, sodass also jeder Wohnblock und jedes Wohnhaus autark mit Strom versorgt werden kann. Mit der am IKTS entwickelten Brennstoffzellentechnologie und stationären Batterien wird netzunabhängig Strom erzeugt und gespeichert. Ich hoffe, dass in fünf bis zehn Jahren jeder ein solches System im Keller stehen hat.

 

JuMPs: Zum Abschluss noch ein private Frage: Die kultige US-Serie The Big Bang Theory thematisiert – nerdy by nature − den Alltag hochintelligenter Wissenschaftler. Können Sie sich sowas überhaupt ansehen?

Prof. Michaelis: Ab und zu guck ich das tatsächlich mal und es amüsiert mich. Sheldon stellt ja den liebenswürdigen Nerd dar. Dort prallen Welten aufeinander. Meine Physik-Kommilitonen, die ich so hatte, die sehe ich da allerdings wenig. Die waren ganz normal. Und ich bin schon bis zum Abitur auf eine Klosterschule für Jungen gegangen – naja, als Physiker wurde es nicht besser.

 

*Der Kaminabend ist eine Veranstaltungsreihe der JuMPs (Junior Marketing Professionals) des Marketing-Club Dresden e.V. Zweimal im Jahr berichten herausragende Persönlichkeiten über ihre Aufgaben und ihre Karriere.

 

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